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Gwalior und Orcha

Ein langes Wochenende (Freitag – Sonntag)  nutzte ich für eine Tour nach Gwalior, eine Stadt im Norden von Madhya Pradesh.  Neben Gwalior wollte ich noch nach Orcha.  Orcha liegt gut 100 km südlich von Gwalior.  Orcha war die Hauptstadt eines regionalen Reiches und hatte seine Blütezeit in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Aus der Zeit sind zahlreiche Paläste erhalten.

Die Anreise von Mumbai nach Gwalior funktionierte nicht direkt. Zuerst flog ich von Mumbai nach Delhi. Von Delhi flog damals nur Air Deccan nach Gwalior. Der Hinflug funktionierte noch einigermassen, zwei Stunden Verspätung waren nicht tragisch und bei Air Deccan völlig normal.  

Gwalior wird dominiert durch seine Festungsanlage, die sich auf einem 150 m hohen Tafelberg befindet. Die Festung und das angrenzende Museum  nimmt nur einen Teil des Felsplateaus ein, daneben gibt es noch mehrere Tempel.

Von der Ostseite führt eine schmale Strasse in mehreren Serpentinen direkt hoch zur Festung.

Der eigentliche Festungspalast besteht aus mehreren Teilen. Er wurde zwar im üblichen Mogulstil mit vielen Türmchen gebaut, aber das besondere der Festung sind seine verzierten Aussenwände.  Die blauen Kacheln mit zahlreichen verschiedenen Ornamenten und Tierfiguren wurden erst viel später im 19. Jahrhundert hinzugefügt.


Warum man ausgerechnet Enten und Elefanten als Tiermotive an der Palastaussenwand angebracht hat, konnte mir kein Reiseführer erklären.

Der Palast ist zu besichtigen, er ist im Innern aber vollständig leer. Ausser einigen schönen Innenhöfen, wieder mit blauen Kacheln, gibt es nichts zu sehen.

Der gesamte Felsen mit der Festung ist ca. 2 km lang und etwa 500 m breit. Man kann vom Palast aus eine kleine Wanderung machen. Ausser einen schönen Blick auf die Altstadt von Gwalior gibt es noch einen kleinen Vishnutempel. Von hier kann man zur Festung rüberschauen.



Ein weiterer Tempel  einige 100 m weiter ist von der Architektur sehr interessant. Dieser Tempel (Teli-ka Mandir) hat nämlich das hohe Elefantenrückendach, das man in den südindischen Tempeln findet, der restliche Baustil mit den Verzierungen an den Aussenwänden ist aber typisch für die nordindischen Tempelanlagen. Über dem Eingangstor sieht man eine Figur vom Sonnenvogel Garuda, dem Reittier von Vishnu.


Beim Abstieg auf der Westseite kam ich dann an mehreren Statuen vorbei, die aus dem Fels herausgehauen wurden und nun in den Nischen stehen. Die Figuren stellen sogenannte Furtbereiter der Jains dar. Die höchsten Figuren sind 17 Meter hoch.

Dort traf ich eine Sikhfamilie. Die männlichen Sikhs schneiden sich nicht die Haare und verstecken ihre Haarpracht daher unter einem Turban. Je älter der Sikh, desto länger die Haare und grösser der Turban.Bei den jüngeren Mann rechts im Hintergrund sind die Haare noch zu kurz für einen richtigen Turban, es reicht dann nur zu einem Knubbel auf dem Kopf.



Auf der anderen Seite der Festung, dort wo ich morgens hoch gelaufen war, liegt das Archäologische Museum. Hier befindet sich u.a. die sogenannte „Mona Lisa Indiens“, eine sehr fein gearbeitete Dame.

Wegen ihr hatte ich das Museum aufgesucht. Als ich sie unter den Exponaten nicht entdeckte, fragte ich bei den Wächtern nach. Bei solchen Problemen wirkt ein kleines Trinkgeld (20 Rupien) Wunder: Die gute Dame war in einer separaten Kammer ausgestellt,die verschlossen und wurde nur Insidern gezeigt...!

Bemerkenswert in Gwalior ist noch der Jai Vilas Palast, der 1874 von der lokalen Scindiadynastie errichtet wurde. Die Nachkommen wohnen bis heute hier.

Die Palasträume im Innern beherbergen ausserdem ein Luxushotel. Die eigentlichen Innenräume sind zu einem Museum umgewandelt. Hier findet man einige bizarre Ausstellungsstücke. Nicht nach Indien passt zum Beispiel eine lebensgrosse Skulptur von Leda, die von ihrem Schwan bearbeitet wird.

Die meisten indischen Besucher werden wohl nicht ahnen, was Zeus in Gestalt des Schwans mit der Leda da treibt. Im historischen Speisesaal findet man nicht nur zwei tonnenschwere Kronleuchter, sondern auch eine 20 m lange Schienenanlage auf dem Tisch.

 

Die silbernen Dampfloks mit einigen Wagen sind ebenfalls ausgestellt.

Diese Miniatureisenbahn war kein Kinderspielzeug. Bei festlichen Anlässen tranportierten die Züge Speisen und Getränke...auch in der indischen Provinz liebte die lokale Herrscherclique im 19. Jahrhundert Protz und Dekadenz.

Am späten Nachmittag fuhr ich weiter von Gwalior nach Orcha. Erstmal ging es von Orcha mit dem Zug nach Jhansi. Die Strecke fahren stündlich Züge. Jhansi ist ein Eisenbahnknotenpunkt 100 km südlich von Gwalior, der Zug benötigt für diese Strecke nur eine Stunde. Von Jhansi aus nahm ich eine Autoriksha ins 20 km entfernte Orcha. Orcha ist heute ein kleines Provinznest. Früher jedoch war Orcha ein lokales Machtzentrum. Bir Singh Deo, der von 1605-1627 herrschte, war ein enger Vertrauter von Kaiser Jehangir. Während dieser Blütezeit entstanden viele Tempel und Paläste. Die Atmosphäre im Städtchen ist sehr angenehm, es verirren sich auch nur wenige Touristen hierher. Ein bisschen erinnerte mich die Anlage mit den verstreut liegenden Tempeln und Palästen an die Tempelstadt Pagan in Burma.



Der Jehangir Mahal ist ein Palast, der zu Ehren von Jehangir gebaut wurde. Hier waren gerade Bauarbeiter bei der Arbeit. Alle Tätigkeiten, die das Tragen und Schleppen beinhalten, werden von Frauen durchgeführt. Nicht nur hier, sondern überall in Indien sieht man Frauen auf Baustellen körperlich arbeiten.



Im Zentrum liegt der Ram Raja Tempel und daneben der  Chaturbhuy-Tempel. Hierhin kommen viele Pilger. Hier traf ich einen Sadhu und zwei Flötenspieler, allerdings ohne Schlange.

Hier kann man bis aufs Dach gehen, von wo man einen schönen Blick auf Orcha hat.

Nah am Fluss  liegen die Grabmäler der Herrscher von Orchas in mehreren Mausoleen.

Hier in Orcha trocknet man die Kuhfladen auf dem Dach, danach dient es als Brennmaterial.

Ausserdem halten die Bewohner viele Ziegen. Diese holte sich ihr Futter vom Dach.

Der Lakhmi Narajan Tempel liegt 1 km ausserhalb des Ortes. Kurz vor Sonnenuntergang kam ich dort an. Der Tempel liegt auf einer Anhöhe. Oben im Tempelturm wartete ein Geier auf Beute.

Im Innern gibt es einige schöne Malereien.



Am nächsten Tag fuhr ich dann über Jhansi nach Gwalior zurück. Der Rückflug von Gwalior zurück nach Mumbai war dann etwas komplizierter. Der Airdeccan Flug von Gwalior nach Delhi verspätete sich zunächst wie üblich. Zuverlässig war wie immer der SMS-Service von Air Deccan über die Verspätung. Zunächst kam eine SMS, die eine Stunde Verspätung ansagte, dann kam wenig später eine nächste SMS, in der es schon zwei Stunden waren. Als ich am Flughafen eintraf, verzögerte es sich noch weiter. Dann wurde mein Flug ganz abgesagt, weil nach 20.00 Uhr keine Maschinen mehr vom Gwalior Airport starten durften. Damit konnte ich natürlich auch meinen gebuchten Rückflug von Delhi nach Mumbai nicht mehr antreten.  Ich suchte den lokalen Air Deccan Manager in seinem Büro auf, der zuerst wenig kooperativ war. Er schlug mir vor, am nächsten Tag nach Delhi zu fliegen und dann mit Air Deccan weiter nach Mumbai.  Der einzige Flug, den es am gleichen Tag noch gab, ging von Gwalior nach Indore. Von dort hätte ich aber regulär keinen Anschluss mehr nach Mumbai gehabt. Es gingen zwar von Indore noch zwei Flüge nach Mumbai (Jet Air und Indian Airlines), die ich aber beide nicht mehr kriegen würde. Egal, ich wollte weg aus Gwalior und liess mein Ticket nach Delhi nach Indore umschreiben. In Indore hatte ich dann wieder Erwarten doch noch Anschluss. Die Maschine von Indian Airlines nach Mumbai war nämlich verspätet und stand noch da. Ich hatte 20 Minuten zum Umsteigen... Gepäck abholen, Ticket kaufen, einchecken...etwas hektisch alles, aber es klappte. Abends war ich wieder in Mumbai.