Start Alltag in Mumbai Hochzeiten

Indische Hochzeiten

Die erste indische Hochzeit erlebten wir in Varanasi. Dort heiratete Sunil, mein damaliger Mitarbeiter aus Mumbai. Die Familie seiner Braut Sandya stammt aus Varanasi. Die Eltern der Braut hatten die Feier zu organisieren. Daher fand die Hochzeit in Varanasi statt.

Es handelte sich um eine Hochzeit, die die Eltern des Brautpaars organisiert hatten. Der Vater von Sunil stammte auch aus Varanasi, er kannte die Familie der Braut über einige Ecken.
Am Tag vor der Hochzeit bekam Sandiya  von zwei Freundinnen ersmal ihre traditionelle Hennabemalung. Dabei werden die Hände und die Füsse mit festgelegten Ornamenten bemalt.


Die indischen Hochzeiten finden nicht in einem Restaurant, sondern an speziellen Hochzeitsplätzen statt. Für Sunils Hochzeit hatte man in eines grossen Zelt aufgebaut. Im Innenraum richtete man eine Bühne her.

Wächter in traditionellen Dressen sorgten dafür, dass nur geladene Gäste Zutritt erhielten.

Die ersten Gäste erschienen nachmittags. Am frühen Abend kam dann der Bräutigam. Gleichzeitig sorgte eine Gruppe, die Trommeln und eine Art tragbare Neonröhren mitführten, für Stimmung.

Danach setzten sich Sunil und sein Vater mit den Brahmanenpriestern zusammen. Bei den Gesprächen mit den Priestern ging es um die verschiedenen Rituale der Hochzeit und um Geld. Die Brahmanen werden für die Hochzeit bezahlt, eine pauschale Abgabe wie bei uns die Kirchensteuer gibt es nicht. Die Gespräche zogen sich über zwei Stunden hin. Die Braut war noch nicht aufgetaucht.

Sunil probierte schon einmal seinen Thron aus und wartete.

Irgendwann war dann  auch die Braut mit ihrer Familie da.  Mittlerweile hatte sich auch das Zelt gefüllt mit etwa 500 Gästen. Auf der Bühne begann jetzt die eigentliche Zeremonie. Am Ende musste Sunil seiner Braut Sandya einen Kranz umhängen. Das ist ein wesentlicher erster Schritt für die Ehe.

 

Anschliessend posierten die Familien und das  Brautpaares auf der Bühne für ein Photo, danach kamen die engeren Freunde nach vorne zur Gratulation.

Unterdessen war das Essensbuffet angerichtet. Das Essen spielt bei indischen Hochzeiten nicht unbedingt die Hauptrolle. Alkohol ist bei indischen Hochzeiten stets tabu – hier gab es Wasser und Cola. Auch auf einen Braten sollte man nicht hoffen – Hochzeitsmenüs sind immer vegetarisch unabhängig von der Kaste. Sunil und Sandya gehörten ehe zur Kaste der Brahmanen. Fast alle Brahmanen sind Vegetarier – es gibt nur wenige Ausnahmen. Vorm Buffet wurde gedrängelt. In Indien wartet man nicht geduldig in der Schlange - im Gegenteil, "jump the queue" heisst der Volkssport (die Schlange überspringen). Wir mussten uns ranhalten und vergassen das Photographieren. Innerhalb von einer halben Stunde war das Essen weg....bei den Getränken war die Cola schnell alle. Das Essen war nicht schlecht, wie üblich scharf, aber kein Festessen in unserem Sinne. Zu manchen Sachen hätte ein kühles Bier gepasst. Später gab es nur noch stilles Mineralwasser.Nach dem Essen gab es dann für eine halbe Stunde Diskomusik und alle, die sich bewegen konnten, tanzten mit.

Hier war zum einzigen Mal die Freude und Ausgelassenheit der Anwesenden zu spüren. Aber kurz darauf so gegen 23.00 Uhr war Schluss mit der Musik – die meisten Gäste verabschiedeten sich. Für die engen Verwandten und Freunde ging die Hochzeit in einem kleineren Nebenraum weiter.

Wir waren die einzigen Europäer und bekamen einen Ehrenplatz ganz vorne. Das Brautpaar musste in Anwesenheit mehrere Brahmanenpriester eine Reihe von Ritualen durchführen.

Ab und dann musste Sunil mal den Arm oder die Hand seiner Braut halten.

Zwischendurch gab es eine Diskussion der Brahmanenpriesters mit dem Vater von Sunil. Der schob dem Priester einige Geldscheine herüber und die Hochzeit ging weiter... Sandya war die ganze Zeit passiv und verzog keine Miene. Hinterher sagte man mir, dass die Braut bei diesen Zereomonien auch nicht lächeln soll. Zum Abschluss mussten beide siebenmal um das heilige Feuer laufen.

Damit war der offizielle Teil beendet. Mittlerweile war es 1.30 Uhr nachts. Das ganze war schon interessant. Eine eigentliche Feier im westlichen Sinne war das nicht. Das war unsere erste indische Hochzeit und die erste Hochzeit, die wir komplett nüchtern verliessen…

Die arrangierte Hochzeit: Die meisten Ehen meiner indischen Kollegen werden auch heute noch von den Eltern arrangiert. Das System der „arranged marriages“ hat durchaus Vorteile in Indien. Das Problem ist, dass die meisten Jugendlichen sich nicht ungezwungen kennenlernen können. Partnerschaften im westlichen Sinne vor der Hochzeit sind nicht möglich. Eine gemeinsame Wohnung gibt es erst nach der Hochzeit. Selbst eine engere Bekanntschaft zwischen den Geschlechtern sieht man nicht gerne. Da ist es fast überflüssig zu erwähnen, dass es keinen vorehelichen Sex gibt – die Katze muss  stets im Sack gekauft werden! Ganz unbekannt ist diese Einstellung ja auch bei uns nicht, aber in Indien ist das normal. Es gibt in Indien eine sehr dünne Oberschicht, in der unverheiratete Partnerschaften wie im Westen vorkommen (z.B. bei den Schauspielern in Bollywood ) –aber das ist ansonsten sehr selten. Vor der Hochzeit hat das Brautpaar also noch keine Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht. Das kann durchaus problematisch werden, da Mann und Frau auch in Indien häufig ganz unterschiedliche Erwartungen für eine Lebensgemeinschaften  haben. Aber es gibt ausser den arrangierten Verbindungen heute auch mehr und mehr Liebeshochzeiten. In den Fällen haben sich die Paar ganz normal z.B. an der Uni kennengelernt.  Bevor das Paar dann offiziell zusammenkommt, kann der Mann bei der Familie seiner Freundin um deren Hand anhalten. In diesen Fällen werden oft auch unterschiedliche Kasten akzeptiert. Bei einer andere Religionszugehörigkeit wird es dann schon schwieriger. Eine andere Mitarbeiterin von mir, gebürtige Christin aus Kerala hatte einen Hindu geheiratet. Vor ihrer Hochzeit mit einem Hind musste auch sie zum Hinduismus konvertieren.. Das wird auch ganz pragmatisch gesehen. Sie glaube an beides, versicherte sie mir. Mit ihrer Familie geht sie noch in die Kirche, mit der Familie ihres Mannes dann in den Tempel. Schwierig wird es, wenn beide Brautpaare ihre Konfession behalten wollen. Der berühmte Bollywoodschauspieler Shahrukh Khan ist Moslem, seine Frau ist Hindu. Aber diese Kombination ist sehr selten. Einer meiner hinduistischen Kollegen hat eine muslimische Freundin. Beide Familien sind gegen die Beziehung und geheiratet haben sie bis heute nicht. Wenn es hart auf hart kommt, gibt es nur zwei Möglichkeiten: ohne Erlaubnis der Eltern heiraten, was immer zum kompletten Bruch mit der Familie führt oder die Beziehung beenden.
Die arangierten Hochzeiten in Indien haben  durchaus auch Vorteile: die Braut zieht nach der Hochzeit immer zu ihrem Ehemann. In den meisten indischen Familien wohnen die Eltern mit ihren Kindern zusammen, Altenheime gibt es praktisch nicht. Wichtig ist also, dass die Braut sich nicht nur mit ihrem Mann versteht, sondern vor allem mit ihrer Schwiegermutter klar kommt. Wenn sich die Eltern des Brautpaares gut verstehen, dann ist das schon einmal nicht schlecht, weil die familiären Beziehungen in Indien noch sehr viel stärker sind wie bei uns. Meist wohnen mehrere Generationen unter einem Dach, die Wohnungen sind meist klein und das Privatleben der Eheleute ist stark eingeschränkt. Vorteil bei der arrangierten Hochzeit ist auch,  dass die Eltern sich die Familie ohne Emotionen anschauen und begutachten. Das Risko, in jungen Jahren hormongesteuert den falschen Partner zu wählen, ist geringer. Aussehen und Gefühle spielen für indische Partnerschaften eine weit geringere Rolle. Die Eltern kümmern sich also um die Auswahl der Braut und stellen einen Kontakt zum möglichen Heiratskandidaten her. Der künftige Partner sollte der  gleichen Religion angehören. Das ist schon deswegen wichtig, da die Religion einen sehr viel stärkeren Einfluss auf das tägliche Leben hat. Weierhin spielt bei den Hindus die Kastenzugehörigkeit auch heute noch eine wichtige Rolle. Braut und Bräutigam sollten möglichst der gleichen Kaste angehören. Ansonsten ist die Ausbildung des Partners wichtig. Die Partnerschaftsanzeigen sind dementsprechend auch etwas anders formuliert wie bei uns. Die gutaussehenden und gutausgebildeten Kandidaten haben es auch in Indien leichter. Die möglichen Kandidaten lernen sich dann kennen –natürlich unter Aufsicht. Wenn man sich sympatisch findet, können die Hochzeitsvorbereitungen beginnen. Es kommt aber auch vor, dass einer der beiden den ausgesuchten Partner ablehnt.  Dann müssen die Eltern weitersuchen. Meine Kollegen – alles Akademiker aus der breiter werdenden Mittelschicht, sind mit Mitte Zwanzig unter die Haube gekommen.  Frauen über Dreissig haben es schwer, noch einen Partner zu finden. Häufig gibt es in indischen Familien eine unverheiratete Tante. Für Witwen ist es auch fast unmöglich, wieder zu heiraten. Wenn aber die Auswahl der Eltern von den Kindern akzeptiert wurde, gibt es kein Zurück mehr. Der genaue Hochzeitstermin wird nicht von den Eltern festgelegt, sondern von Priestern. Dazu werden die Sterne befragt. Wenn die Sternzeichen des Paares nicht zueinander passen, kann das in manchen Gegenden ein echtes Problem werden und eine Hochzeit verhindern. Aberglauben ist auch in studierten Kreisen weit verbreitet. Scheidungen gibt es in indischen Ehen praktisch nicht. Auch heute wird dagegen häufig noch Brautgeld fällig. Die Braut zieht zur Familie des Mannes  und wird also woanders durchgefüttert, damit wird eine Ablösesumme fällig. Das dowry ist heute in der indischen Mittelklasse nicht mehr so wichtig. Bei meinen Kollegen gab es keinen, wo eine Hochzeit an erhöhten Brautgeldforderungen scheiterte. Aber die Familie der Braut zahlt zumindest den Löwenanteil der Hochzeitsfeier. Aber auf dem Land gibt es auch heute noch Familien, die nur einmal im Leben die Möglichkeit haben, an grösseren Mengen Geld zu gelangen. Das führt dann häufig zu unrealistischen hohen Forderungen. Die Schwester von Birgits Englischlehrerin z.B. hatte sich verliebt – der gute Mann wollte sie auch heiraten. Allerdings verlangte die Familie des Mannes umgerechnet 20.000 Euro Brautgeld – eine utopische Summe. Die die Familie der Frau´konnte die Forderungen weder herunterhandeln noch  nicht aufbringen– und es gab kein happy end. Der Mann hätte mit seiner Familie brechen müssen und ohne Brautgeld heiraten. Das machen nur ganz wenige.