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Mumbai und die Elendsviertel
Der Film "Slumdog Millionär" spielt in den Slums von Mumbai. Meine indischen Arbeitskollegen waren von dem Film natürlich nicht sehr begeistert. Es zeige nur die negativen Seiten von Mumbai und übertreibe völlig...da haben sie nicht ganz unrecht. Die Inder wissen natürlich selbst genau, dass Einkommen und Besitztümer häufig sehr ungleich verteilt sind und dass es entwickelte und eben weniger entwickelte Stadtteile gibt.

Slums gibt es überall in Mumbai. Aber: Was ist überhaupt ein Slum? Die Definition ist nicht ganz einfach. Jeden Tag strömen Tausende aus ganz Indien nach Mumbai, um hier in der indischen Finanz- und Wirtschaftsmetropole Arbeit zu finden und ihr Glück zu machen. Man hat immer mal wieder überlegt, Mumbai für nationale Wirtschaftsflüchtlinge dichtzumachen. Da Mumbai eine Halbinsel ist, wäre der Zugang relativ einfach zu kontrollieren. Aber das entscheidende Argument dagegen: Indien ist sehr stolz auf seine Demokratie und dazu gehört natürlich auch die freie Wahl des Wohnsitzes jedes Inders.

Slumtour durch Dharavi
Unterscheiden muss man zwischen temporären und permanenten Slumgegenden. Der Stadtteil Dharavi bildet den grössten permanenten Slum. Hier sollen über eine Million Einwohner auf wenigen Quadratkilometern wohnen. In Tageszeitungen wurden regelmässig geführte Slumtouren zu Fuss durch Dharavi angeboten. Da wurde ich neugierig. Auf der anderen Seite war ich unsicher, ob eine touristische Tour in einen Slum moralisch und ethisch vertretbar wäre. Aber ich wollte mir selbst ein Bild machen. Kurzentschlossen meldete ich mich an: Am vereinbarten Treffpunkt begrüsste unser Führer die "Slumtouristen". Ausser mir bestand die fünfköpfige Gruppe aus vier weiteren Deutschen...die Inder sind wohl für derartige Touren nicht zu begeistern. Von meinen Arbeitskollegen war zumindest keiner bislang in Dharavi gewesen. Zu Fuss ging es gleich hinein in das Gassengewirr von Dharavi. Unser Führer bat uns, nur dort zu photographieren, wo er es ausdrücklich erlaube. Als erstes gingen wir auf das Dach eines Hauses, um einen Überblick zu erhalten. Die Hütten in Dharavi sind aus Stein gebaut, die Dächer meist aus Wellpappe. Alles wird willkürlich ohne Baugenehmigung errichtet. Während der Monsoonzeit ist das Viertel oft tagelang überschwemmt. Es gibt daher keine Keller und ein permanentes Platzproblem. Daher herrscht überall in den Strassen drangvolle Enge. Viele Sachen werden auf den Dächern gelagert.

Die Gassen in Dharavi sind eng. Ein Durchkommen mit dem Auto ist unmöglich. Als Fussgänger kann man sich in Dharavi frei bewegen. Aber ohne Führer verliert man schnell die Orientierung.

So abstrus es klingt: Dharavi ist ein wichtiges Wirtschaftszentrum. Hier gibt es unzählige Kleinunternehmer. Die beiden auf dem Bild sammeln Plastikabfälle, granulieren sie und verkaufen sie neu. Die Maschine ist über 70 Jahre alt und hätte längst einen Ruhesitz in einem Museum verdient. Es gibt viele Bäckereien, Tischlereien, Nähereien,die ihre Ware in die anderen Stadtteile liefern.

Diese Geschäfte sehen nicht viel anders aus als in anderen Stadtteilen. Es gibt überall Strom, Fernseher, die Leute haben Handys wie in anderen Gegenden. Es herrscht jedoch überall Platznot, die Arbeit läuft ohne moderne Maschinen ab und die Arbeitsbedingungen sind prekär. Schockierend an einigen Stellen ist der laxe Umgang mit der Gesundheit, auch sieht man überall Kinder und Jugendliche teils schwere Arbeiten verrichten. Kinderarbeit und schlechte Arbeitsbedingungen ist aber kein spezielles Problem in den Slums - es gibt sie auch woanders. Am schlimmsten fand ich einige Kleinbetriebe, die Leder und andere Stoffe mit giftigen Chemikalien imprägnierten.

Es gibt immer wieder Pläne, Teile von Dharavi abzureissen und die Bewohner umzusiedeln. Aber derartige Pläne werden von den Slumbewohner abgelehnt. Sie befürchten - wohl nicht zu Unrecht - eine sogenannte Luxussanierung und den Verlust ihrer Unterkunft.

Nach ca. 2 Stunden war der Rundgang beendet. Viele Fotos konnten und wollten wir nicht machen.  Insgesamt aber konnte man einen erstem  Eindruck von Dharavi bekommen.

Temporäre Slums
Daneben gibt es temporäre schnell gebaute Hütten. Diese Elendsquartiere entstehen entlang der Ausfallstrassen und Bahnstrecken. Die Stadt lässt allerdings viele dieser Viertel von Zeit zu Zeit zerstören und die Bewohner werden vertrieben. Wer eine längere Aufenthaltszeit nachweisen kann, bekommt ein Ausweichquartier. Das können aber die wenigsten.

Hier stand eine Siedlung kurz vor der Räumung. Bagger hatten bereits die Aussenwände der Hütten aufgerissen. Wenige Tage später waren diese Behausungen verschwunden.

Das ganze Jahr über schlafen Tausende auf der Strasse. Manchmal handelt es sich um Familien, die nur für kurze Zeit nach Mumbai kommen, weil sie Geschäfte machen wollen. Für eine feste Unterkunft ist kein Geld da, also übernachten sie auf der Strasse. Vor unserem Haus auf dem Bürgersteig waren in der Trockenzeit manchmal für einige Wochen derartige Gastarbeiter zu beobachten.

In der Regenzeit leben nur noch die Ärmsten der Armen auf der Strasse. Sie behelfen sich mit Planen.

Permanente Slums
Überall in der Stadt gibt es kleinere und grössere Slums. Hier ist eine Slumgegend am Powai Lake. Das grosse Rohr ist eine Wasserleitung für die Stadt...

Bettler: Überall auf Mumbais Strassen warten die Bettler. Besonders häufig sind sie an grösseren Strassenkreuzungen, Abzweigungen und da, wo sich der Verkehr regelmässig staut. Es gibt organisierte Bettler, aber auch echte Bedürftige. Manche sind hartnäckig und bleiben am Auto, bis man weiterfahren kann.

An einer Kreuzung tauchte fast täglich ein junger verkrüppelter fürchterlich entstellter Mann auf, dessen Anblick ich auch nach Wochen nur schwer ertragen konnte. Immer wenn er zu uns ans Auto kam, bekam er von mir einige Münzen. Für die Bettler habe ich immer Kleingeld im Auto bereitgehalten.

Mit der Zeit gewöhnt man sich an die Armut und stumpft auch etwas ab. Ab und zu hatte ich auch ein schlechtes Gewissen - wenn wir mal wieder gut Essen waren und mehr Geld fürs ein Abendessen ausgegeben hatte, wie ein Grossteil der Bevölkerung in einem Monat verdient. Die Armut und die Bettelei gehören zu Mumbai - man kann es nicht ändern. Bettler und Schnorrern in Deutschland haben es seit meinem Aufenthalt in Mumbai sehr schwer bei mir.

Der Mann unten gehört zu den Hijras. Auf meinem Arbeitsweg begegnete ich ihnen regelmässig. Nähere Erläuterungen bei Wikipedia:

http://de.wikipedia.org/wiki/Hijra

An den Strassenkreuzungen kommen ausser Bettler auch Verkäufer ans Auto. Häufig sind es Kinder, die Bücher (meist Raubkopien) verkaufen, daneben Blumen und viele andere Kleinigkeiten.